Rectify – eine unterschätzte Serie?

Rectify Keyart (Bildquelle: Blake Tyers/AMC)

Regelmäßig versorgt uns Netflix mit neuen Serien, um unsere Leidenschaft ausleben zu können. Aber was ist mit den Serien, die bereits eine ganze Weile abrufbar sind und aus irgendeinem Grund in der Masse untergehen? Eine solche Serie möchte ich euch heute ans Herz legen. Rectify ist keine neue Serie. Keine Serie, die nach Aufmerksamkeit schreit. Vielmehr ist sie ein kleines Juwel in der Fernsehlandschaft, das viel zu häufig übergangen wird.

Worum geht’s?

Rectify erzählt uns die Geschichte von Daniel Holden (Aden Young), einem mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder. Mit 18 Jahren wurde er auf der Grundlage von Zeugenaussagen und seinem eigenen Geständnis zum Tode verurteilt und sitzt seit dem im Gefängnis. Erst 19 Jahre später kann eine DNA-Analyse beweisen, dass nicht Daniel das Mädchen vergewaltigt hat. Er kommt frei.

Daniel kehrt zurück zu seiner Familie, die nie aufgehört hat, für ihn zu kämpfen. Aber 19 Jahre Gefängnis, Einsamkeit und Folter sind an Daniel nicht spurlos vorbei gegangen. Er zeigt sich den Zuschauern überfordert mit der neuen Welt, die er nie kennengelernt hat. Wortkarg, scheu und fast verzweifelt versucht er, die Dinge zu begreifen, die um ihn herum geschehen. Computer, ein Supermarkt, ein MP3-Player, der Zuschauer begleitet Daniel dabei, wie er sich vorsichtig in der Welt, die für ihn komplett neu ist, zurecht findet.

Das Leben seiner Familie ist weitergegangen, seine Mutter hat neu geheiratet, seinen kleinen Bruder (Jake Austin Walker) kennt er kaum.  Seine Schwester Amantha (Abigail Spencer) versucht alles, um sich ihm anzunähern und ihm dabei zu helfen, das Geschehene zu bewältigen. Zusammen mit Daniels Verteidiger setzt sie alles daran, seine Unschuld zu beweisen.

Daniel ist zwar frei, gilt aber weiter als Hauptverdächtiger des brutalen Mordes einer 16-jährigen. Seine Umwelt begegnet ihm mit Skepsis und Vorurteilen, war doch für alle klar, dass Daniel schuldig ist. Insbesondere der Senator Roland Foulkes (Michael O’Neill), damals der Ankläger Daniels, zweifelt nicht an seiner Schuld und setzt alles daran, das damalige Urteil zu bestätigen und Daniel wieder in die Todeszelle zu bringen.

Warum soll es diese Serie sein?

Rectify, vom Autor Ray McKinnon und den Produzenten von „Breaking Bad“, ist keine actionreiche Serie, keine laute Serie und keine, die von Schnelligkeit lebt. Rectify geht unter die Haut. Die ruhige, bedächtige, fast zaghafte Erzählweise fesselt den Zuschauer und lässt uns aufgewühlt zurück. Immer wieder nimmt die Serie unerwartete Wendungen und vermittelt uns direkt die intensiven, bedrückenden und erdrückenden Gefühle Daniels. Durch Rückblenden wird deutlich, wie unfassbar grausam und einsam die Zeit in der Todeszelle war, aber auch, dass eben diese Zelle und die Menschen dort, sein Leben waren. Schauspieler Aden Young spielt den in sich gekehrten und überforderten Daniel so glaubwürdig, dass einfache kleine Handlungen, wie das Öffnen der Vorhänge, das Trinken einer Cola mit Eis oder das Verlassen seines eigenen Zimmers die Begrenztheit von Daniels bisherigen Möglichkeiten tragisch widerspiegeln. Die Kommunikation mit seiner Umwelt fällt Daniel unglaublich schwer. Tief in seinem Inneren, ist er immer noch der 18-jährige Junge, der damals verhaftet wurde. So skurril, bedrückend, fast wieder komisch lässt die Szene den Zuschauer zurück, in der Daniel seine alten Sachen auf dem Dachboden findet und mit der Musik seines alten Walkmans auf den Ohren seine alte Kleidung anzieht. Ein verlorenes Leben aus einer anderen Zeit, eingemottet und fast vergessen.

Es geht in dieser Serie um Menschlichkeit, um Hoffnung und die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann, bevor er zerbricht. Eine Rückkehr in die Gesellschaft, nachdem man länger in einer Zelle ohne Fenster war, als in der freien Welt, ist das überhaupt möglich? Was kann ein Mensch bewältigen? Rectify schafft es, eben diese Bedeutung der Entlassung Daniels in den Mittelpunkt zu rücken und den Zuschauer gebannt an seiner Reise und seinen Erinnerungen teilhaben zu lassen. Nicht zuletzt liegt das an der überragenden schauspielerischen Leistung und den wunderbaren Dialogen, denen viel Zeit und Raum eingeräumt werden. Und über allem schwebt die große Suche nach Antworten. Was geschah damals wirklich und ist Daniel unschuldig?

Rectify bei Netflix sehen

Rectify ist eine zu wenig beachtete Serie, ein kleiner Geheimtipp, den ich allen Fans von anspruchsvollen Dramaserien empfehlen kann.

Staffel 1 und 2 sind auf Netflix verfügbar, Staffel 3 und 4 bereits abgedreht.

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